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Kloster&Gäste
Vivo ist eine monastische Männergemeinschaft, ein kleines Kloster, in das man für einen bestimmten Zeitraum eintritt. Ein Zeitkloster, das jungen Männern offensteht (ältere Aus- nahmen gibt es auch), die eine Weile mitleben und eine spirituelle Erfahrung machen wollen. Gelebt wird von der Arbeit ausserhalb oder innerhalb des Hauses (Kultur, Soziales, Gäste, Pilger, Mitwirkung an umliegenden Projek- ten, evt. Teilzeitjobs). Du erbringst so deinen Beitrag an den gemeinsamen Lebensunterhalt.
Die Gemeinschaft richtet sich weitgehend nach der Regel des Benedikt von Nursia (Benediktiner). Im Gegensatz zu ihr legen die Mitbrüder im Kreuz kein Gelübde ab. Du bringst deine Erfahrungen, dein Können und dein Suchen mit. Danach kehrst du mit neuen Impulsen in dein "altes" Leben zurück oder beginnst ein neues. Darum kann das Haus sehr verschieden besetzt sein. Manchmal leben mehrere hier und manchmal bin ich, wie jetzt, alleine und erhalte die Struktur am Leben.
Um hier mitleben zu können braucht es Wachheit, ein wenig Geduld und etwas in dir sollte dich in diese Richtung ziehen - nicht stossen, denn Weltflucht ist kein gutes Motiv. Leben ist überall und da du dich mitbringst, wirst du auch hier über deine Fluchtgründe stolpern. Hingegen spielt deine religiöse oder unreligiöse Herkunft keine Rolle und niemand wird dich zu etwas bekehren wollen. Was wir suchen lässt sich vielleicht UMschreiben, aber nicht Beschreiben und diese Suche beginnt erst da richtig, wo die meisten aufgeben. Du darfst also zweifeln: Zweifler fragen oft konsequenter als manch' "Fromme" es tun. Das Teilen der Fragen ist unsere gemeinsame Basis. Sie funktioniert über alle Religionsgrenzen oder Kulturen hinweg, kann Denkstrukturen sprengen und Differenzen übersteigen. Wer in eine solche Gemeinschaft eintritt, muss damit rechnen, dass sich in ihm einige Abgründe auftun. Denn durch die Eingrenzungen der klösterlichen Lebensart kann eine innere Freiheit erfahrbar werden, auf die uns das Leben kaum vorbereitet. Dabei geht es mehr um Boden als um verträumte Höhenflüge.
Die Gemeinschaft wuchs ab 1990 aus der Arbeit mit benachteiligten und dem Umgang mit jungen Menschen. Damals lebten wir in einem kleinen Schlösschen im Tessin. Nach einer mehrjährigen Umwegfahrt landeten wir schliesslich zu dritt in Tobel im Thurgau. Von hier aus wird es irgendwann weiter gehen. Wirklich steuerbar ist das Projekt nicht, da es von seiner jeweiligen Besetzung abhängt. Derzeit bin ich wieder alleine hier. Ich bin in einem Alter, in dem ich noch einige Sachen weiter geben möchte, um danach meinen Rückzug anzutreten in eine sehr stille Zeit. Was also soll ich tun? Aufhören oder einen jungen Mitbruder suchen, der viel lernen will, bleibt und übernimmt und, wie ich, nicht die Asche anbetet, sondern die Glut weiter trägt? Ich weiss es noch nicht.
Benedikt Wälder (mail)
Lexikon Orden, Klöster, Mönchtum
(Da und dort weicht unsere Auffassung in inhaltlichen Dingen von den dort gemachten Aussagen ab.)
Musik: Salve Regina aus der Vesper zu Mariä Himmelfahrt,
Chorschola & Stiftschor Kloster Einsiedeln
CD Erem 93-1002